
„An der Abbildung des Menschen bin ich nicht so interessiert“ sagt Hans Panschar. „Ich finde die Sachen spannender, mit denen sich der Mensch umgibt.“ Nun, wenn diese Sachen solche selbst sprechenden Ursymbole sind, wie die Skulpturen von Hans Panschar, dann steckt in ihnen auch ohne Menschenbildnis der ganze Mensch. Man nehme einen Stuhl. Er hat Beine, einen Sitz und eine Rückenlehne und manchmal sogar zwei Arme. Die nachgebildete Körperform des Menschen also – in all seiner Sesshaftigkeit. Aber der Mensch ist nicht nur Hülle. Im Bauch rumort beständig eine Portion Fernweh und im Kopf tönen Rufe nach Stabilität. Der Künstler setzt das so um: Stühle, Schiffe, Häuser. Möbel, mobil, immobil. Der Mensch zwischen den Polen Sehnsucht – Suche – Unterwegs sein auf der einen und Sesshaftigkeit – Verwurzelung – Geborgenheit auf der anderen Seite. Bei Panschar werden die Pole zum Paar. Und wer sich die harmonischen Verquickungen der Symbole in Werken wie „Archehaus“ oder den „Hausbooten“ anschaut, der empfindet den Gegensatz auch nicht mehr als störend. So konsequent er die Darstellung des menschlichen Körpers auch vermeidet, seine Skulpturen zeigen immer den Menschen an sich, mit all seinen Zielen und Sehnsüchten: Das Haus ist Sinnbild für Schutz und Geborgenheit, die Schiffe sind Seelenschiffe. Ein Stuhl ist Symbol für den Wunsch nach Ruhe, Löffel und Gabel stehen für geistige und körperliche Nahrung.
Zu den Dingen, mit denen sich der Mensch umgibt, gehört – nicht immer freiwillig, aber doch unweigerlich – auch der Raum. Skulptur und Raum – das sind zwei, die zusammengehören wie Malerei und Farbe, wie Zeichnung und Papier. Das Ausgreifen eines Körpers in den Raum, die Gestaltung eines Raums durch die Skulptur, das ist das große Thema der Skulptur. Aber meistens geht es dabei ausschließlich in formaler Hinsicht um Raum. Nicht so bei Hans Panschar. Er zeigt Raum als
Bedeutungsträger: Ferne und Fernweh, Häuslichkeit und Wohnraum, Orte der Sehnsucht, Sinnbilder der Überwindung von Raum. In „Feierabend“ werden auf einen Tisch gestellte Stühle zum Freiraum. Ein Tisch mit zwei Stühlen wird zum „Dinner for two“, zum Symbol für Annäherung und „Paradies für 3 Trinker“ – ein Tresen mit drei Barhockern – zum Ort der Seligkeit, aber auch zu einem Ort nah am Abgrund.
Nach Fachoberschule für Gestaltung und zweijähriger Weltreise macht Hans Panschar eine Ausbildung zum Holzbootsbauer: die vielleicht nicht gerade nahe liegende aber doch einleuchtende Verbindung von seiner Liebe zum Unterwegssein und zum Wasser und einem Hang zur Bildhauerei. „Im Prinzip ist jedes Schiff eine Skulptur“, sagt er. „Die runde Form des Schiffs ist sogar die Komplizierteste, die man aus Holz bauen kann.“ Er nimmt die Herausforderung an: Als die Pukuri nach zwei Jahren fertig ist, misst sie dreizehn Meter und bietet Schlafplätze für 6 Leute. Ein Hochseekatamaran – selbst gebaut! Zwei Jahre lang segelt Panschar kreuz und quer durchs Mittelmeer. Dann geht er wieder an Land, macht in München den Meister für Schreinerhandwerk, gründet eine Familie, zieht an den Starnberger See und richtet sich eine Werkstatt ein.
Seither macht er Skulpturen, die von seiner Liebe zum Meer erzählen. Und er macht Möbel. Der Übergang zwischen Handwerk und Kunst ist fließend. Vor allem seine Stuhlskulpturen bilden eine Schwelle zwischen der Bildhauerei und dem Möbelbauen. Panschars Liebe zum Meer ist bei alldem kein Relikt aus alten Zeiten, das immer mal wieder als Schiff auftaucht. Sie ist der Kern seiner Arbeit, der wie bei einer Holzskulptur bestimmend für den Arbeitsgang und für die gesamte Form ist. Von diesem Kern her kommt die Energie, die alles in Bewegung hält, nach der man sich richten muss und die es zu zügeln gilt, weil sie das Werk sonst zerstört.
Panschar arbeitet ausschließlich mit Holz. Holz, das ist Kultur und Natur zugleich. Werkstoff der Zivilisation und Pflanze. Als Stuhl oder Haus bietet es Gemütlichkeit und lädt zum Wurzelschlagen ein. Zum Schiff verbaut bringt es uns weit weg – oder dahin, wo wir ankommen wollen. „Holz lebt! Man muss darauf eingehen, muss seinem Wuchs, der Maserung, den natürlichen Rissen, Einschlüssen und Ästen folgen und die Seele des Holzes sichtbar machen. Manche Skulpturen träume ich, ich habe prall gefüllte Skizzenbücher, aber bei der Ausführung lasse ich mich letztendlich auch vom Material führen.“
Um die Seele des Holzes sichtbar zu machen, arbeitet der Künstler auch mit Farbe. Manchmal mit deckenden Acrylfarben, andere Skulpturen weißt er mit Kalk. Er trägt die Farbe auf und schleift sie wieder ab, so wird der Charakter der Oberfläche und ihre Bearbeitung mit der Kettensäge besonders deutlich. Oder er schwärzt das Holz mit Hilfe von Feuer oder Eisen. Ja –, Eisen. Manche seiner Holzobjekte rosten. Ein leises Interesse an etwas Neuem? Hat er den Werkstoff Holz ausgereizt? „Da reicht ein Leben gar nicht, um das Material voll auszuschöpfen“ dementiert er.
In jüngster Zeit befasst sich Panschar wieder vermehrt mit abstrakter Skulptur. Die Stelen der Werkgruppe „Tempel“ führen auf den ersten Blick weg von den großen Symbolen, hin zu einer Bildhauerei, die sich mit Licht und Schatten auseinandersetzt. „Es sind eigentlich Balken aus denen ich was herausschneide, so entsteht ein Innenleben mit Kammern und Räumen“. Und so liegt auch in diesen abstrakten Stelen eine symbolische Bedeutung: Aus den Holzblöcken in Häuserform oder den Stadtansichten sind Gehäuse geworden. Von den Außenansichten zum Innenraum. Das Holz wird immer mehr zum Zuhause.
Julie Metzdorf